Sie überlegen den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen oder haben es bereits getan. So wie immer mehr Menschen in Europa und den USA. (Auch wenn in Deutschland das Gegenteil der Fall ist.)

Im Generationenvergleich ist eine selbstständige Tätigkeit vor allem für jüngere Menschen immer attraktiver. So sind in den USA immerhin 48% der Selbstständigen im Alter von 25 bis 34.

Studienabsolventen und Berufseinsteiger schätzen besonders die Flexibilität und Unabhängigkeit, die ihnen die Selbstständigkeit eröffnet. Dazu macht die digitale Welt eine Geschäftsgründung immer leichter, durch schnelleren Aufbau von Kundenbeziehungen, mehr Marketing-Kanäle bei kleinerem Budget und Überwindung von geografischen Grenzen. 

Daneben suchen gerade wir junge Menschen nach Veränderung. Durch alternative Herangehensweisen im Bereich technologische Entwicklung, Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung finden wir einen Sinn in der Selbstständigkeit, den wir als Angestellte lange vermissen würden.

Doch in der öffentlichen Wahrnehmung von wenigen Spitzenverdienern, vergisst man schnell die Risiken, die mit der Selbstständigkeit einhergehen. Oder: Man ist sich Risiken bewusst, nicht aber ihrer Größe. Sie sind dadurch nicht fassbar und kalkulierbar. 

Während das manchen hilft, die Risiken dadurch kleinzureden bis es zu spät ist, werden andere von panische Angst gepackt und versuchen es gar nicht erst. 

Das möchten wir bei Atropoli ändern. 

Innovative Arbeitsweisen, ein erfüllteres Arbeitsumfeld und langfristiger Erfolg sollten gerade Berufseinsteigern und Erstgründern durch Risikobewusstsein ermöglicht werden.

Verdienen Selbstständige weniger als abhängig Beschäftigte?

Streuung als erschwerender Faktor

Mehr Selbstständige Leben am Existenzminimum, genauso wie mehr Selbstständige bei gleicher Tätigkeit wesentlich mehr verdienen als ein Angestellter. 

Das erscheint zuerst widersprüchlich. Die Erklärung ist einfach: Es gibt eine 3-mal größere Streuung in der Selbstständigkeit als dem klassischen Angestelltenverhältnis. 

Verteilung des monatlichen Nettoeinkommens nach dem Erwerbsstatus in Prozent. Verglichen werden Angestellte mit Selbstständigen insgesamt, Solo-Selbstständigen und Selbstständigen mit Beschäftigten. In der Einkommensklasse von 0 bis ~900 € gibt es prozentual mehr Solo-Selbstständige als Angestellte. Zugleich gibt es in der Einkommenklasse von mehr als 2500 € prozentual mehr Selbstständige insgesamt und ebenso in den Untergruppen bei Solo-Selbstständigkeit und Selbstständigkeit mit Angestellten.
Verteilung des Nettoeinkommens nach dem Erwerbsstatus in Prozent. Verglichen werden Angestellte mit Selbstständigen insgesamt, Solo-Selbstständigen und Selbstständigen mit Beschäftigten.

Am unteren Ende der Einkommensverteilung nehmen Selbstständige meist ein geringeres Einkommen in Kauf. Die Ursache liegt hierbei in längeren Arbeitszeiten mit meist 50- und 60-Stundenwochen bei gleichem Wochenlohn, wodurch der relative Stundensatz schnell unter dem Mindestlohn fällt. 

Am oberen Ende übersteigen die Gehälter der Selbstständigen jene der Angestellten aber deutlich. 

Unterschied zwischen Solo oder mit Angestellten

Dabei sind Selbstständige differenzierter zu betrachten. Es gibt zwei Gruppen: Solo-Selbstständige und Selbstständige mit Angestellten, also Arbeitgeber. Erstere Gruppe macht dabei den Bärenanteil der Selbständigen (54,4%) aus. 

Verdienen Selbstständige mehr als Angestellte? Nettoverdienst pro Stunde im Vergleich. Betrachtet werden drei Gruppen: Solo-Selbstständige (9,38 €), Selbstständige mit Beschäftigten (12,25 €) und Angestellte (10 €)
Verdienen Selbstständige mehr als Angestellte? Nettoverdienst pro Stunde im Vergleich. Betrachtet werden drei Gruppen: Solo-Selbstständige (9,38 €), Selbstständige mit Beschäftigten (12,25 €) und Angestellte (10 €)

Im direkten Vergleich verdienen Solo-Selbstständige durchschnittlich weniger als Angestellte. Das geht aus einer Studie aus dem Jahr 2015 des Deutsches Instituts für Wirtschaftsforschung hervor. Während der Netto-Stundensatz bei 10 Euro je Angestelltem liegen würde, verdienen Solo-Selbstständige etwa 6% weniger, nämlich 9,38 Euro

Selbstständige mit Beschäftigten verdienen dagegen durchschnittlich 12,25 Euro Netto, also 22% mehr als Angestellte. 

Wie der Ökonom Alexander Kritikos erläutert:

"Wer ein Unternehmen gründet, geht ein Risiko ein und muss oft mehr arbeiten als vorher im Angestellten-Status. Dafür gibt es gute Chancen, mehr Geld mit nach Hause zu bringen." 

Häufig ist Zeit und Durchhaltevermögen ausschlaggebend. Besonders in den ersten Jahren ist der Umsatz mau. Doch bei langfristigem Erfolg wird erstes Personal eingestellt und damit wächst der Umsatz signifikant, wodurch wieder mehr beim Gründer oder der Gründerin ankommt. 

Gehälter sind unmittelbar gebunden an Markt

Gehalt ist individuell. Das Unternehmen, welches als Vermittler zwischen Arbeitnehmer und Kunden Risiken und Erträge reguliert, verschwindet. Umsatzeinbrüche und -anstiege kommen nicht länger gedrosselt beim Mitarbeiter an und das Gehalt ist proportionaler zur Arbeitsleistung. Dadurch, dass es keinen Vertrag mit kontinuierlich gleichem Gehalt gibt, sondern nur befristete Aufträge, passt sich der Stundensatz schneller und direkter an die tatsächliche Marktverhältnisse, Konkurrenz und Wertschöpfung der individuellen Person an. 

Das heißt aber auch, dass Selbstständige deutlich mehr Einfluss auf ihren Lohn nehmen können und eine größere Entscheidungshoheit mit mehr Verantwortung haben. Anders als Angestellte erhalten Selbstständige jeden Monat ein anderes Gehalt und damit neue Anreize als “Feedback”, wenn man so will. Der Markt gibt direkte Signale, welche Strategien und Angebote ein Bedürfnis sättigen und welche nicht.

Für jeden Selbstständigen, der/die durch große Konkurrenz und fehlende Innovation wenig verdient, gibt es einen Selbstständigen, der/die durch experimentieren und regelmäßige Anpassung des Geschäftsplanes eine profitable Zielgruppe gefunden hat und gut davon leben kann.

Nicht alle Faktoren sind kontrollierbar

Äußere Einflussfaktoren auf das Gehalt als selbständige Person: Herkunft, Abschluss, Geschlecht, Branche, Alter, Standort
Äußere Einflussfaktoren auf das Gehalt als selbständige Person: Herkunft, Abschluss, Geschlecht, Branche, Alter, Standort

Der Einfluss des Selbstständigen auf seinen Lohn ist groß. Doch darf das nicht über den Fakt hinwegtäuschen, dass manche Einflüsse auf den Lohn außerhalb der eigenen Kontrolle sind.

Alter: Je älter, desto besser das Gehalt. Erfahrung ist besonders bei Selbstständigen ein hohes Gut. Vergangene Arbeiten, Portfolios und Kollaborationen sind meist am überzeugendsten. Dazu kommt, dass ältere Arbeitnehmer häufig in die Selbstständigkeit wechseln, weil sie Kontakte zur Branche und Kunden aus dem Arbeitnehmerverhältnis mitnehmen.

Abschluss: Abiturienten ohne Hochschulabschluss verdienen besser als Selbstständige. Dem gegenüber verdienen jene mit Hochschulabschluss als Angestellte besser. Doch auch hier gibt es Ausnahmen. Der Anteil an Akademikern bei den Selbstständigen ist im europäischen Vergleich in Deutschland besonders hoch. Gerade Ärzte, Psychologen, Juristen, Firmenberater und Marketing-Experten verdienen häufig mehr als Selbstständige.

Wie viele Selbstsändige erlebten Umsatzeinbuße durch die Pandemie? Männer: 47%, Frauen: 63%
Wie viele Selbstsändige erlebten Umsatzeinbuße durch die Pandemie? Männer: 47%, Frauen: 63%

Geschlecht: Genauso wie im Angestelltenverhältnis verdienen selbstständige Frauen weniger als Männer. Das zeigt sich besonders in der Pandemie. Während 47 Prozent der selbstständigen Männer Einkommenseinbuße hatten, waren 63 Prozent der selbständigen Frauen von einer geringeren Auftragslage betroffen. 

Branche: Womit wir bei der Branche wären. Besonders Taxifahrer_innen, Kosmetiker_innen und klassische Handwerksberufe wie Schneider_innen oder Friseure, sowie im Handel, Transport und Gastronomie sind meist Teil des Niedriglohnsektors. Dienstleister_innen sind in der Mitte angesiedelt. Demgegenüber sind besonders im Finanzwesen, IT-Branche, Werbeagenturen, Jurist_innen, Psychotherapeut_innen und Ärzte viele gut verdienende Selbstständige.

Herkunft: Zuletzt spielt auch die Herkunft eine große Rolle. Viele Menschen mit ausländischer Herkunft gehen aus Not und Perspektivlosigkeit in die Selbstständigkeit. Besonders als Einwanderer_in der ersten Generation ist das deutsche Ausbildungssystem schwer zugänglich, wodurch Jobchancen fehlen und vermehrt gegründet wird aufgrund von Mangel an Alternativen. Beispiele hierfür sind Kioske, Imbisse, Restaurants oder Speditionen, welche überproportional von Menschen mit ausländischen Wurzeln geführt werden.

Standort: Auch die Lage spielte eine große Rolle und ist eng mit der Branche verbunden. Das zeigt sich besonders im Gehaltsunterschied bei gleicher Tätigkeit, welcher wesentlich durch die Geografie bestimmt wird.

Wie viele Selbstständige verdienen unter dem Mindestlohn?

Wie viele Selbstständige leben von weniger als dem Mindeslohn? 2011: +1 Mio. (27 Prozent), 2015: 800.000 (20 Prozent)
Wie viele Selbstständige leben von weniger als dem Mindeslohn? 2011: +1 Mio. (27 Prozent), 2015: 800.000 (20 Prozent)

Während 2011 noch mehr als 1 Million Selbstständige, jeder vierte (27 Prozent), von weniger als 8,50 Euro pro Stunde und weniger als 1100 Netto gelebt hat, konnte sich die Lage bis 2015 verbessern. Da waren es ca. 800.000 (20 Prozent) aller Selbstständigen. 

Das hört sich zunächst nach viel an. Dabei zeigt der Vergleich zu Angestellten, dass diese mit 34% im Jahr 2011 sogar schlechter abgeschnitten haben. Die Zahlen sind leider nicht aktuell, doch wird ein ähnliches Verhältnis heute zu erwarten sein. 

Gehalt nach mindestens 3 Jahren Selbstständigkeit

Als Teil der Studie wurden Selbstständige gefragt, ob sie Gehaltseinbußen erleben im Vergleich zu ihrer vorherigen Tätigkeit als Angestellte. 

Wichtig hierbei: Die selbstständige Tätigkeit musste mindestens seit 3 Jahren verfolgt werden, um die Phase der Existenzgründung auszuschließen.

35 Prozent der Befragten verdienten mehr, 50 Prozent gleich viel und 17 Prozent insgesamt weniger. Insgesamt haben also mehr Selbstständige einen Anstieg erlebt, anstelle eines Verlustes.

Fazit

Allgemein lässt sich nicht sagen, ob Selbstständige mehr verdienen als Angestellte. Eine große Streuung lässt das tatsächliche Gehalt nur individuell abschätzen.

Ein großer Einflussfaktor ist der Typ an Selbstständigkeit. Solo-Selbstständige verdienen generell weniger als Angestellte. Selbstständige mit Beschäftigten verdienen wesentlich mehr.

Selbstständige haben einen größeren Einfluss auf ihr Gehalt. Ob sie sich profilieren können, schlägt sich direkt wieder.

Andere Einflussfaktoren, wie Geschlecht, Herkunft, Alter, Abschluss, Branche und Lage sind ebenfalls wesentlich. Viele davon lassen sich nicht kontrollieren, andere schon.

Der Anteil an Geringverdienern bei Selbstständigen hat sich in der Tendenz reduziert. Im Vergleich zu Angestellten sind es prozentual sogar weniger. Doch gibt es viele Selbstständige, die unter dem Mindestlohn verdienen, was bei Angestellten nicht möglich ist.

Insgesamt ist bei der Hälfte der befragten Selbstständigen das Gehalt gleich geblieben. Tendenziell haben jedoch mehr Menschen ein höheres Gehalt erzielen können.