Als die Pandemie 2020 begann fragten sich viele Menschen, was sie mit der freien Zeit in den eigenen vier Wänden anfangen sollen. Neujahrsversprechen wurden in die Tat umgesetzt und Hobbies umso leidenschaftlicher verfolgt. Genauso wie Geschäftsideen umgesetzt und neue Geldquellen erschlossen wurden, welche in den folgenden Jahren fortgesetzt wurden.

Während die einen der Leidenschaft und andere ihrem Unternehmergeist folgten, gab es manche, die sich fragten: Wieso nicht beides?

Möglicherweise stellen Sie Schale mit handgemachtem Muster, Ohrringe aus selbstgeformten Edelmetallen oder Jeans aus recyceltem Stoff von alter Kinderkleidung her. Oder Sie tun es bisher im Kopf, weil es erstmal nur eine Idee ist.

Leidenschaft ist wichtige Antriebsfeder, bestimmt aber nicht den finanziellen Erfolg.

Tatsache ist - egal wie leidenschaftlich Gründer/innen für ein Produkt brennen, finanzieller Erfolg ist vom Markt abhängig. Egal wie gut Ihr Produkt ist, wenn es keine Probleme löst oder die Konkurrenz zu groß, dann gibt es keinen Gewinn. Und das sage ich aus eigener Erfahrung vom Betreiben einer jungen Videoproduktion (Atropoli Film), welche derzeit durch Trial-and-Error nach der richtigen Nische sucht.

Nicht umsonst gehört zu jedem Standardwerk der BWL die Wettbewerbsstrategie von Michael Porter zur Differenzierung. Gegensätzlich zur Kostenführerschaft können sich teurere Produkte behaupten, wenn sie einmalige Merkmale haben. Diese Strategie nennt sich Qualitätsführerschaft und ist besonders für kleine Unternehmen interessant. Sie ermöglicht mit wenig Infrastruktur eine Marktdominanz bei kleinem Kundenkreis mit besonderen Bedürfnissen.

Trotzdem gibt es einfachere und härtere Märkte. Ein Lebensmittelhersteller steht im Regal mit Dutzenden anderen Marken und muss auf Preisführerschaft setzen, wodurch große Konzerne die Oberhand behalten. Bei einer Arztpraxis ist dagegen Qualitätsführerschaft gewöhnlich, weil Kunden ihre Gesundheit priorisieren und Kosten (manchmal notgedrungen) eine untergeordnete Rolle spielen. 

Und der Markt für selbstgemachte Produkte?

Frage 1: Ist Etsy als Verkaufsplattform gesättigt? 

Zum beantworten dieser Frage hilft das bekannteste Prinzip der Marktwirtschaft: Angebot und Nachfrage. Das Angebot ist hierbei die Anzahl an Verkäufer/innen, also Shop-Betreiber/innen. Und die Nachfrage die Anzahl an Kund/innen, also Etsy-Besucher/innen.

Wie viele Verkäufer/innen gibt es?

Statistik - Verkäufer/innen auf Etsy: 2012: 830.000, 2021: 4,7 Millionen. Das ist ein Anstieg um 466%.

Die Anzahl der Verkäufer/innen ist seit 2012 um mehr als das 5-Fache gestiegen von 830 Tausend (2012) auf 4,7 Mio. (2021). Das ist ein Wachstum um 466 Prozent. Besonders das Jahr 2020 war durch die Pandemie einschlagend. 

Das erschreckt junge Shop-Inhaber/innen zuallererst. Die Konkurrenz ist in totalen Zahlen rasant gewachsen. WIr sollten diese Statistik aber in Relation setzen zum Kundenkreis, der auf der Plattform unterwegs ist.

Wie viele Kund/innen gibt es?

Statistik - Kund/innen auf Etsy: 2012: 9,32 Milliionen, 2021: 96 Millionen. Das ist ein Anstieg um 930%.

Ähnlich wie beim Wachstum der Verkäufer/innen ist der Kundenkreis mit dem Angebot exponentiell gewachsen. 2012 gab es noch 9,32 Mio. Auf der offiziellen Website steht, dass Etsy 2021 96 Mio. aktive Kund/innen erreichen würde. Der Kundenstamm ist von 2012 auf 2021 also um 930 Prozent gestiegen. 

Hier zeigt sich ein anderes Bild. Zwar gibt es mehr Verkäufer/innen auf Etsy, wie zuvor erwähnt, aber auch deutlich mehr Kund/innen. 

Die Frage ist, welche Gruppe stärker gewachsen ist.

Haben sich die Chancen für Verkäufer statistisch verbessert? 

Relativ betrachtet schon. Wir vergleichen hierfür das Verhältnis von Etsy-Verkäufer/innen zu Kund/innen, also wie viele Kund/innen pro Verkäufer/in auf der Website einkaufen. 

Statistik - Verhältnis: Kund/in pro Verkäufer/in: 2012: 11,3 K/P, 2021: 20,4 K/P. Das ist ein Anstieg um 80,5%.

Basierend auf diesen Daten, gab es 11,3 aktive Kunden auf Etsy pro Verkäufer/in im Jahr 2012. 2021 hat sich das Verhältnis auf 20,4 Kund/innen je Verkäufer/in verbessert. 

Wir wissen also, dass sich die Lage verbessert hat. Das heißt aber nicht automatisch, dass sie gut ist. Statistiken wie diese sind meist unpraktisch. Deswegen gucken wir jetzt auf das individuelle Gehalt von einzelnen Shop-Inhaber/innen. Kann man wirklich davon leben?

Frage 2: Welche Gehaltschancen gibt es?

Die folgenden Statistiken basieren auf einer Umfrage mit dem Titel: “Side Hustle Showcase” (2017) von Smart Money Mamas. Es wurden nur 20 Shops interviewt, damit sind die Statistiken nicht repräsentativ für die gesamte Plattform. Ein skeptischer Blick ist ausdrücklich empfohlen.

Wie groß ist der durchschnittliche Umsatz eines Etsy-Shops?

Umsatz im Monat von 20 Etsy-Shops: 0-100 Dollar: 5 Prozent, 100-250 Dollar: 20 Prozent, 250-500 Dollar: 20 Prozent, 500-1000 Dollar: 20 Prozent, >1000 Dollar: 35 Prozent

Der durchschnittlich Umsatz lag bei 518 Dollars pro Monat (nach Abzug von Etsy-Gebühren). Produkte der 20 befragten Shops kosteten zwischen 3 und 175 Euro, bei einem Durchschnittspreis von 40 Dollar.

Wie groß ist der durchschnittliche Gewinn eines Etsy-Shops?

Gewinn im Monat von 20 Etsy-Shops: 0-100 Dollar: 10 Prozent, 100-250 Dollar: 35 Prozent, 250-500 Dollar: 20 Prozent, 500-1000 Dollar: 10 Prozent, >1000 Dollar: 25 Prozent

Der durchschnittliche Gewinn lag bei 291 Dollar pro Monat. Am unteren Ende hat der kleinste Store nur 8,50 Dollar Gewinn monatlich erwirtschaftet und der erfolgreichste Shop über 5.000 Dollar pro Monat. 

Eine andere Umfrage hat einen Gewinn von 500 bis 10.000 Dollar pro Monat ergeben. Die Methodik der Studie wurde jedoch nicht erläutert, weswegen sie kritisch zu betrachten ist. Viele Nutzer/innen in Reddit- und Etsy-Foren beschreiben Ergebnisse mit konservativeren Zahlen, ähnlich der vorherigen Statistik von ca. 300 Dollar monatlichem Gewinn.

Wie groß ist der durchschnittliche Stundenlohn eines Etsy-Händers?

Umsatz und Gewinn können noch so hoch sein, ob Vollzeit oder Teilzeit muss unbedingt mitgerechnet werden. 1.000 Euro Gewinn im Monat ist viel als Sidehustle, aber wenig bei Vollzeit-Tätigkeit.

Gewinn pro Stunde von 20 Etsy-Shops: Unter 7,25 Dollar: 50 Prozent, 7,25-10 Dollar: 10 Prozent, 10-15 Dollar: 15 Prozent, 15-100 Dollar: 15 Prozent, >100 Dollar: 10 Prozent

Insgesamt 10 der 20 Shop-Inhaber/innen, ganze 50 Prozent der Befragten, verdienten weniger als den amerikanischen Mindestlohn von 7,25 Dollar. 2 Shop-Besitzer/innen verdienten sogar weniger als 1 Dollar pro Stunde. Demgegenüber haben die 2 größten Shops über 100 Dollar/Stunde verdient.

Das deckt sich gut mit Ergebnis des vorletzten Artikels vom Atropoli Blog

Mehr Selbstständige leben am Existenzminimum, genauso wie mehr Selbstständige bei gleicher Tätigkeit wesentlich mehr verdienen als ein Angestellter. [...] Es gibt eine 3-mal größere Streuung in der Selbstständigkeit als dem klassischen Angestelltenverhältnis.

Frage 3: Können Sie davon leben?

Ob Etsy jeder Person die Möglichkeit gibt von seinem eigenen Geschäft leben zu können ist schwer zu sagen. Es ist definitiv möglich von seinem Etsy-Shop leben zu können. Die Frage ist einzig und allein, ob Ihr Produkt sich gut genug differenzieren kann und ob die gewählte Nische lukrativ ist. 

Was heißt das konkret? Wie viele Artikel muss ich verkaufen, um einen Jahresgewinn von 40.000 Euro zu erwirtschaften? Diese Frage klären wir in den nächsten Artikeln.

Zusammenfassung

Ist Etsy als Verkaufsplattform gesättigt? 

Das Verhältnis von Kund/in pro Verkäufer/in hat sich in den letzten Jahren verdoppelt und damit verbessert. Ob 20,4 Kunden/innen pro Verkäufer/in viel ist, lässt sich jedoch nicht beurteilen.

Welche Gehaltschancen gibt es?

Die Gehaltschancen sind schlecht. Der Stundenlohn ist durchschnittlich schlechter als der deutsche Mindestlohn. Wobei es tragisch niedrige und exorbitant hohe Stundenlöhne gibt.

Können Sie davon leben?

Wer sich gut im Markt platziert kann es. Es ist definitiv möglich. Wie groß die Hürde ist? Das erfahren Sie in unseren zukünftigen Artikeln.